["Hinten rechts, da beim Gemüse!"]

Dienstag, 10. April 2012


Vorweg: Ich hoffe, ihr hattet alle ein schönes, langes Osterwochenende und habt mindestens genau so viel und lecker gegessenfressen wie ich. Diesen Beitrag habe ich bereits am Samstag geschrieben. Als ich ihn geschrieben habe, war ich innerlich aggressiv und unkontrolliert und hinterher hatte ich keine Zeit mehr, ihn noch mal nach Fehlern zu durchsuchen und zu bearbeiten. Das habe ich heute in einer Kaffeepause nachgeholt und jetzt ist er öffentlichkeitstauglich.

An alle jüngeren Leser unter euch, die noch nicht für den regelmäßigen Einkauf der Grundnahrungsmittel verantwortlich sind, hier ein kleiner, durchaus ernstzunehmender Rat von mir: Geht niemals heute einkaufen! Mit "heute" meine ich den Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag, denn das ist einer der wenigen Tage im Jahr, an dem die Menschen einen besonders ausgeprägten Dachschaden haben und wie die Irren die Supermärkte stürmen, um ihre Hamsterkäufe zu erledigen.
Das war nichts Neues für mich. Und ich war so froh, dass ich nur noch ein paar Kleinigkeiten zu besorgen hatte. Kleinigkeiten, die so klein sind, dass sie in meine zwei winzigen Hände passen, und ich mich somit nicht mit Körbchen oder Einkaufswagen durch die Menschenmassen pressen musste. Leider hatte ich meine Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Die hatte nämlich nichts besseres zu tun, als sich am Karfreitag bei einem Sturz mit dem Rad am Rücken zu verletzten (Gute Besserung!!) und daher ihren eigenen Hamsterkauf nicht selbst erledigen konnte.
Also begab ich mich mit einer kilometerlangen Einkaufsliste und einer bösen Vorahnung so früh es mir möglich war zu unserem Stammsupermarkt (Eigentlich wollte mein Freund mich begleiten, er hatte verschlafen schaffte es zeitlich aber nicht, also musste ich allein los. Aber was soll's, es gibt weitaus romantischere Dates, als ein gemeinsamer Nervenzusammenbruch in einem überfüllten Marktkauf!). Bereits auf dem Parkplatz ließ sich erahnen, was im Inneren des Ladens zu erwarten war. Überall Autos und viele davon hatten gelb-schwarze Nummernschilder. Ich habe absolut nichts gegen Holländer, aber die trudeln immer mit Kind und Kegel ein und blockieren dann gemeinschaftlich sämtliche Gänge.
Als ich mir einen Einkaufswagen schnappen wollte, ließ mir ein sehr freundlicher Mann ganz Gentleman-like den Vortritt (passiert einem in der heutigen Zeit auch nicht mehr all zu oft). Da fing es schon an: Mein Chip für den Einkaufswagen war in den Tiefen meiner Geldbörse verschollen und ich hatte nur 2€-Stücke, die nicht in den Wagen passten. Ich suchte und suchte, während der nette Mann geduldig neben mir wartete. Das machte mich langsam aber sicher nervös, wieso nahm er denn nicht einen Wagen aus den anderen Reihen neben uns? Leicht verlegen und aus dem Konzept gebracht, überließ ich ihm meinen potenziellen Wagen und ging an den Informationsschalter in der Eingangshalle, um eins meiner 2€-Stücke in zwei Einer wechseln zu lassen. Bewaffnet mit einem Wagen, meiner bzw. Mamas Einkaufsliste und einer gehörigen Portion innerer Unruhe durfte das Abenteuer dann beginnen. Ich war noch nicht einmal richtig im Einkaufsbereich, da ging es schon los. Omi ging vor mir spazieren. Wie bei den Holländern: Ich habe nichts gegen alte Menschen und ich habe vollstes Verständnis, dass sie für gewisse Dinge etwas mehr Zeit benötigen. Diese Situation war allerdings eine andere, denn neben ihr spazierte ihre (schätzungsweise) junge erwachsene Enkelin. Sie stützte ihre Oma nicht oder half ihr tragen oder lief durch die Regale, um Dinge von Omis Liste zu besorgen, nein, sie spazierten einfach nur so vor sich hin, zeigten hier und da in die Luft und guckten verträumt. Als sei das ganze hier nicht ein Supermarkt sondern ein Park mit Spazierwegen, bunten Blumen am Wegesrand, Vögelchen in der Luft und weit und breit keiner Menschenseele. "Hallo Leute, das ist hier Marktkauf und nicht Marktparkanlage!" hätte ich am liebsten gebrüllt, denn weder links noch rechts war es möglich, die zwei Spaziergängerinnen zu überholen. Aber ich bin natürlich einfach viel zu nett für diese Welt und versuchte es mit räuspern (zu leiste), hüsteln (noch immer nicht laut genug) und einem beinahe filmreifen Hustenanfall. Sie drehten sich um, sahen mich mitleidig an, nach dem Motto "Das arme Mädchen, krank an Ostern!" und gingen weiter, so dass mir (und der Karawane, die sich hinter mit gebildet hatte) nichts anderes übrig blieb, als in den nächstbesten Nebengang zu flüchten und einen anderen Weg einzuschlagen. 
Die ersten Gegenstände der Einkaufsliste landeten in meinem Einkaufswagen und es erleichterte mich ein wenig, dass die Anzahl der zu besorgenden Dinge schrumpfte. Ich war froh, dass ich auf dem Weg zum Supermarkt einen Energy Drink (eigentlich mag ich das Zeug ja nicht) getrunken hatte, denn sonst wäre ich vermutlich vor Müdigkeit und Erschöpfung bereits umgefallen und von Einkaufswagen überfahren worden. Meine langsam einkehrende innere Ruhe sollte aber nicht von langer Dauer bleiben. Das merkte ich, als ich den Gemüse- und Obstbereich erreichte. Der Bereich ist generell sehr eng und ich schiebe dort an normalen Tagen schon ungern mit einem Einkaufswagen durch die Gegend. Aber heute? Katastrophal wäre noch untertrieben. An allen Ecken standen herrenlose Einkaufswagen. Es war kein Durchkommen. Ich warf einen Blick auf die Liste: "Blumenkohl, Zitronen, frische Champignons, Möhren, Bananen". Zu viel, um es mit den bloßen (winzigen!) Händen in einem Ganz zum Wagen zu schleppen (ich bin von der Sorte "Lieber riskieren, alles fallen zu lassen, als zwei Mal zu laufen"), also musste ich mich mit dem Wagen durch das Chaos quälen. Im Nachhinein bereute ich sehr, dass ich nicht einfach mein Lebensmotto Nummer 1 mal kurz ignorieren, den Wagen in der Nähe platzieren konnte und mehrmals gelaufen bin. Nun ja, nach einem gefühlten Jahr war ich raus aus der Hölle und hatte nur noch einen kleinen Teil an Dingen auf der Liste. Dann klingelte mein Handy: Mama. "Kannst du mir bitte noch Biskin mitbringen, die kleine Packung, und Schmalz?" Meinetwegen, ich war quasi schon auf dem Weg - bis ich feststellte, dass sie mal wieder einiges umgestellt hatten. Also rief ich meine Mutter an und fragte, wo ich die genannten Sachen denn bitte finden würde. "Hinten rechts an der Wand, da beim Gemüse!" Das war nicht die Antwort, die ich hören wollte. Dieses Mal entschied ich mit dafür, den gut gefüllten Wagen einfach irgendwo in der TK-Landschaft stehen zu lassen und marschierte zurück in die Hölle. Schnell sah ich meine Zielobjekte, dennoch konnte ich nicht geradewegs zu ihnen stürmen, sondern musste mich, wie durch ein Labyrinth, unglaublich umständlich um die Gemüseablagen schlängeln. Zurück am Einkaufswagen bemerkte ich beim Blick auf meine Liste, dass ich, dass ich die "Lätta Joghurt" vergessen hatte. Die war quasi die Nachbarin von Biskin und Schmalz, also noch einmal zurück - ohne Wagen, versteht sich!
Innerlich brodelnd, wie der "Eyjafjallajökull" kurz vor seinem Ausbruch 2010, stand ich ungeduldig an der (meiner Meinung nach) kürzesten Schlange aller Kassen. Ich war zu wirr im Kopf, um darauf zu achten, ob es sich wirklich um die schnellste Kassiererin handelte und ehrlich gesagt, eine Erkenntnis, dass dem nicht so wär, hätte ich in dem Moment nicht mehr verarbeiten können.
Nachdem ich am Blumenstand noch eine weitere Ewigkeit anstehen musste, um meine weißen und roten Tulpen zu bezahlen, flitzte ich über den Parkplatz, stieg in mein Auto, steckte meinen Euro aus dem Einkaufswagen zurück in meine Geldbörse (wo ich natürlich direkt den besagten Chip fand!) und wollte gerade losfahren, als plötzlich aus heiterem Himmel ein Hagelschauer auf den Parkplatz herab prasselte! Menschen rannten panisch, ohne nach links und rechts zu schauen, zu ihren Autos oder eben in die andere Richtung, in den Laden. Mal wieder: kein Durchkommen. Also beschloss ich, in meiner Parklücke zu warten, bis sich die Wetterlage (und dementsprechend die Menschen) wieder beruhigt hatte(n). Das gefiel allerdings einem älteren Herren in seinem grauen Mercedes nicht, der mich wohl in mein Auto huschen gesehen hatte und bereits wild hupend darauf wartete, dass ich endlich meinen Parkplatz freigeben würde. Ich hatte mehr Angst vor dem Mercedes-Fahrer, als vor den verrückt herumrennenden Menschen, also machte ich mich fix vom Acker. Fix, naja das wäre wirklich übertrieben, kaum war ich aus meiner Lücke herausgefahren, stand ich auch schon im Stau. Stau auf dem Parkplatz in meiner Reihe, dann Stau an der Abfahrt zur Straße, dann Stau auf der Straße, bis hin zur nächsten Ampel. Erst als ich es über die grüne Ampel geschafft hatte, fühlte ich den Stress ein wenig abfallen denn ich hatte nur noch eine letzte Sache auf der Liste stehen: zwei "Bingo!"-Lose vom Kiosk in der Nähe. Und was dort passierte, das habe ich euch im Grunde schon einmal erzählt. Nachdem ich Ewigkeiten anstehen musste und endlich die "Bingo!"-Lose auf die Ladentheke legte: "Ausweis, bitte!". Der lag aber im Auto und dass ich 26 bin, wollte mir die gute Frau mal wieder nicht glauben, also musste ich wieder raus rennen, den Ausweis aus meiner Handtasche kramen, wieder rein rennen und dann hatte ich endlich, ENDLICH! alles, was ich besorgen musste. Nur meine Geduld und meine Nerven, die fehlten mir. Denn die hatte ich bereits vor Stunden "Hinten rechts, da beim Gemüse!" verloren.

Kommentare:

  1. Ooohohohooo, ich fühle so mit dir. Musste Samstag anstehen (!), um ÜBERHAUPT einen Einkaufswagen zu bekommen ...

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  2. Ich sags ja!
    http://katyinthesky.blogspot.de/2012/04/katys-haties-happy-holidays-you-bastard.html

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  3. Anja, ich kann nur wiederholen, was auch schon andere gesagt haben. Du solltest unbedingt für Zeitschriften schreiben. Ich bin überzeugt, die allermeisten deiner Geschichten würden sie dir mit Kusshand abkaufen.

    Aber was ich eigentlich fragen wollte: Lebt die "Bingo"-Lose Verkäuferin noch *kicher*?

    Ruth

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    1. Rudy, du bist zu süß für diese welt!! Danke für deine lieben worte immer!!
      Ja, die Verkäuferin lebt noch. Als ich auf dem Weg zum Auto war, um meinen Ausweis zu holen, und mein Spiegelbild im Autofenster sah, ist mir eingefallen, dass es mir sehr schmeichelt, mich in diesem Zustand für unter 18 zu halten :D

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  4. haha ich liebe den Artikel, einfach genial! =) Liebe Grüße

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  5. Ah... da waren die Holländer also alle! Hier war es über Ostern nämlich richtig ruhig. Ich hab nicht mal an der Kasse anstehen müssen. Höhö.
    Ups, jetzt sollte ich mich wohl schleunigst aus dem Staub machen. Sonst ist die "Bingo"-Lose Verkäuferin bald nicht mehr die einzige die nicht mehr lebt.

    Sehr unterhaltsame Geschichte. :)

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  6. Toll geschrieben! Mein Mitgefühl hast du :)

    LG

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  7. tolles bild

    PS: Ich veranstalte gerade ein Gewinnspiel in Zusammenarbeit mit armedangels, dabei geht es um eine gute Sache! Schau vorbei :)

    Lady-Pa

    xoxo

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  8. So nett wie Du beschreibt keiner den Wahnsinn des Lebens. Gehst Du auch am 22. Dezember einkaufen, also bevor die Geschäfte für ganze drei Tage schließen? Ich freue mich schon! ;-)

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  9. Haha, ich hatte auch die Ehre an diesem wundervollen Tag einkaufen zu gehen... :/

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